Es gibt Neuigkeiten zu den alten Eiben in Bodenheim. Weitere Recherchen haben die These verdichtet, dass diese Bäume in dem Bereich wachsen, in dem sich die mittelalterliche Dorfumwehrung befand. Doch nicht nur historisch haben sind die Bäume faszinierend. Auch heute leisten sie Unglaubliches, wie viele andere Bäume. Ein Grund mehr, sie unter Schutz zu stellen.
Ursprunglich ging es um zwei alte Eiben. Eine steht im Gemeindepark, eine weitere im Bereich „Im Walter“. Diese schätzte ich nach Berechnungen auf 260 bzw. 320 Jahre. Zwischenzeitlich habe ich den Durchmesser des Wurzelstocks gemessen und so komme ich auf etwa 320 und 350 Jahre.
Warum die Abweichung? Das Dickenwachstum vom Stamm hängt maßgeblich von den Wachstumsbedingungen zusammen. Wenig Licht schwächt den Baum beispielsweise, und sein Stamm Umfang erhöht sich nur geringfügig pro Jahr. Der Wurzelstock verhält sich jedoch anders. Er verdickt sich relativ kontinuierlich.
Natürlich sind die 320 und 350 Jahre eine Schätzung, sie beruhen aber auf Erfahrungswerte durch Fachleute und zugleich auf das typische Dickenwachstum von Eiben. Dieses erhöht sich anfangs relativ schnell, dann jedoch sinkt die Verdickung pro Jahr auf 0,3 bis 0,7cm.
Neue, alte Bäume
Bei meiner weiteren Recherche habe ich im Gemeindepark Eiben entdeckt, die jedoch gespalten mit mehreren Trieben nach oben wachsen. Da konnte ich über das Dickenwachstums des Stamms keine Erkenntnisse gewinnen. Die Messung vom Wurzelstock zeigte jeodch eindeutig: Auch hier sind wir bei einem Alter von über 300 Jahren. Scheinbar wurden diese Bäume einfach einmal abgesägt, und trieben von unten neu aus.
Das gilt auch für die drei weiteren Eiben „Im Walter“.
Und ein weiteres Indiz dafür, dass die Eiben Relikte der Dorfumwehrung waren, ist der Standort der Eiben im Gemeindepark. Dort stehen vier alte Eiben wie aufgereiht.
Dazu kommen weitere Entdeckungen: Eine ersichtlich alte Eibe habe ich auf einem Privatgelände am Sandweg entdeckt, ebenso welche am Kirchsteig im Gelände des ehemaligen Altmünster-Nonnenhofs. Hier darf ich in kürze den Umfang der Eiben messen.

Neue Erkenntnisse
Aus einer Festschrift des ehemaligen Ortsbürgermeisters für die 1200-Jahr-Feier im Jahr 1955 konnte ich einige Erkenntnisse gewinnen:
- Im Gebiet des heutigen Gemeindeparks traten die Quellen für den Leitgraben zutage, der einst das Oberdorf vom Unterdorf trennte. Von dort führte auch ein Wallgraben entlang, und in diesem Bereich stehen heute zumindest drei der alten Eiben
- Auch im Bereich des Altmünster-Nonnenhofs floss der Dorfgraben und mündete in einer Weed. Dort wurden einst Fische gehalten, danach diente das Gewässer als Tränke und Wasserlösch-Stelle. Später wurde die Weed zugeschüttet.
- Rund um das Dorf befanden sich, neben dem wasserführenden Dorfgraben und dem Flutgraben, auch Wälle. All diese Bereiche waren dichtem Gestrüpp bepflanzt, sowie mit großen Rüsterbäumen.
- An sechs Punkten befanden sich große Falltore an den Ausfallstraßen. Diese wurden nachts geschlossen, damit niemand eindringen konnte.
- Im Winter der Jahre 1794/1795 kam es zu einer eisigen Kälte, der Rhein fror 6 Wochen lang zu. So wurden die Rüsterbäume an den Gräben und Falltoren gefällt, um zu Heizen. Nach der Französischen Revolution wurden die Gräben geschleift. Nichts bleib mehr übrig – doch offenbar Restbestände der Eiben.
- Die Eiben „Im Walter“ haben noch eine weitere, historische Besonderheit: Melchior Friedrich Graf von Schönborn baute 1747 den Schönborner Hof. Er war gleichzeitig Ortsherr von Bodenheim. Damit er noch Platz für einen Garten und einen Weinberg hatte, überließen Schöffen und Schultheiß auch den Dorfgraben. Von ihm ist heute nichts mehr zu sehen, jedoch weist eine uralte Weinbergsmauer auf das Ende des Siedlungsbereichs hin. Und genau hinter dieser Mauer steht eine der alten Eiben, die Gruppe der drei weiteren steht ein Stück weit entfernt. Ganz in der Nähe, unterhalb an der Mainzer Straße (früher Mainzer Weg, dann Mainzer Chaussee) stand die „Untere Mainzer Port“, die nach Mainz führte. Westlich gelegen befand sich die „Obere Mainzer Port“, die über den Burgweg Richtung Hechtsheim führte. Leider ist auf alten Kataster-Plänen der ursprüngliche Lauf des Grabens nicht eingezeichnet. Jedoch weist einiges darauf hin, dass der Dorfgraben parallel zur Weinbergsmauer verlief. Und eine Besonderheit: Der Schönborner Hof war einige Zeit während des ersten Koalitonskriegs zwischen Frankreich und Preußen, Hauptquartier von König Friedrich Wilhelm II. von Preußen. Im Gefolge befand sich auch der preußische Kronprinz, zusammen mit seiner Verlobten. Mit ihr reiste Johann Wolfgang von Goethe, auch um die Truppen in Marienborn zu besuchen. Und vorher befand er sich im Schönborner Hof in Bodenheim.
Natürlich diese Geschichte kein Beweis dafür, dass die Eiben im Bereich des ehemaligen Dorfgrabens wachsen. Aber dass sie in dieser Zeit bereits wuchsen ist sicher.
Zusammen mit den insgesamt mindestens elf alten Eiben, die nachweislich in dem der ehemaligen Dorfumwehrung noch zu finden sind, ist diese Tatsache jedoch ein weiterer, deutlicher Hinweis.
Und Ökologisch?
Historisch sind die Eiben zumindest spannend. Ökologisch sind sie absolut faszinierend und enorm wertvoll.
Beim Treetag-Day werden europaweit Bäume anhand ihrer „Ökosystemdienstleistung“ bewertet, und mit einem „Tag“ öffentlich dargestellt, was sie so alles leisten. So ist das auch mit zwei der alten Eiben geschehen.
Zusammen mit dem BUND Mainz-Bingen, der BUND-Naturkindergruppe Bodenheim, der Ortsgemeinde Bodenheim, und mit mir als Umwelt- und Artenschutzbeauftragter, haben wir am 17.09. die Bäume gebührend geehrt. Und folgende Daten konnten wir vor über 50 Interessierten präsentieren:


Wir haben also sehr gute Gründe, diese alten Bäume unter Schutz zu stellen. Ökologisch wie historisch.
Gerade dieser Sommer, der nicht enden will, hat uns gelehrt: Wir brauchen alte Bäume in unseren Städten und Gemeinden. Sie sind Verbündete im Kampf gegen die Klimakrise. Und sie brauchen eben selbst auch Schutz!

