Es war mehr Zufall, als mir eine Eibe im Dollespark in Bodenheim auffiel. Für diese Baumart erschien mir der Stamm relativ dick. Also maß ich nach, recherchierte und bald ergab sich eine kleine Sensation.
Die Eibe steht schon sehr lange an diesem Platz. Sie ist etwa 260 Jahre alt. Das heißt, sie wuchs schon, bevor die Französische Revolution alles veränderte. Doch es gibt noch mehr verblüffende Erkenntnisse.
Die Eibe steht an einem historischen Platz. Sie ist offenbar das Relikt des Ringwall-Grabens, der vom Mittelalter bis etwa 1800 das Dorf schützte. Dann wurde der Graben entfernt, doch die Eibe blieb.
Als ob dies nicht genug wäre, wurde ich einige hundert Meter entfernt auf eine weitere alte Eibe aufmerksam. Ihr Stamm hat einen noch größeren Durchmesser und ist etwa 310 Jahre alt. In ihrem Umfeld stehen weitere Eiben, die jedoch teils geschnitten wurden, und ihre Stämme gespalten wachsen. Daher kann man ihr Alter nur erahnen.


Meine Recherchen ergaben, dass auch diese Gruppe Eiben genau in dem Bereich stehen, in dem dieser Ringwall-Graben das Dorf umgab. Auch sie sind also Relikte des mittelalterlichen Bauwerks.

Zwar wird in den Chroniken nicht erwähnt, dass man damals auch Eiben an solche Gräben pflanzte. Es ist von Eschen und Buchen die Rede, sowie von „Gestrüpp“.
Doch wagte ich ein Gedankenexperiment: Warum sollte man Eiben pflanzen, die relativ langsam wachsen?
Die Antwort ist vielfältig und noch spannender:
Eiben wachsen im Unterholz und kommen mit Schatten klar, was bei vielen anderen Arten nicht der Fall ist. Sie brauchen zwar längere Zeit bis sie breit und groß sind. Doch sie wachsen sehr dicht, ihr Holz ist fest und zugleich biegsam.
Deshalb bestanden schon Pfeil und Bogen von Ötzi (der Mumie in den Ötztaler Alpen) aus Eibenholz. Auch später wurde es für den Kampf genutzt. Die Stabilität und Biegsamkeit war ein Grund, ihre Giftigkeit ein anderer.

Wer Eiben an den Ringgraben pflanzte, spielte natürlich auch mit dem abschreckenden Element:
Giftige Bäume als Hindernis und wehrhafte Bewohner mit genug Eibenholz als effektive Waffen.
Und es gibt noch ein weiterer Hintergrund:
Eiben galten als Baum der Unterwelt, der in der germanischen Mythologie zugleich vor bösen Geistern schützt. Die keltischen Druiden stellten ihre Zauberstäbe aus Eibenholz her. Selbst Yggdrasil, die Weltenesche in der Sammlung Edda, der germanischen Göttersagen, könnte auch eine Eibe gewesen sein. Neue Erkenntnisse deuten darauf hin, da in den Sagen von einem Baum die Rede ist, der ganzjährig grün ist. Und das ist nun mal die Eibe.
Auch die Franken pflanzten aus religiösen und mythologischen Gründen oft solche Bäume an Grabfeldern.
Und – welch ein Zufall: Genau in der Nähe von beiden heutigen Eiben-Standorten, wurden vor Jahrzehnten Fränkische Gräber gefunden sowie eine Fränkische Hofreite vermutet.
Natürlich wachsen heute nicht mehr die ursprünglich gepflanzten Eiben, aber vielleicht ihre Nachkommen, die man gerne in dem Wallgraben wachsen ließ oder pflanzte.
Als Schutz vor bösen Geistern, Barriere und Abschreckung zugleich.
Ich kann euch nur sagen: Diese Geschichte und Recherche zieht mich seit über einem Jahr in ihren Bann.
Da ich als Umwelt- und Artenschutzbeauftragter der Ortsgemeinde ehrenamtlich aktiv bin, setze ich alles daran, dass diese Bäume als Naturdenkmal besonders geschützt werden. Und wir sind auf einem guten Weg.
Der historische Wert ist eine Sache, der ökologische eine andere.
Denn alte Bäume sind so wichtig, eigene und einmalige Mini-Lebensräume. Die sind niemals durch „Ersatzpflanzungen“ zu ersetzen. Ihre genetischen Eigenschaften, die regional über Jahrhunderte oder gar Jahrtausende geprägt sind, sind der wahre Schatz dieser Entdeckung.
Ich möchte sie daher auch zu Botschaftern für die restlichen Altbäume machen. Bäume, die so wertvoll für den Arten- und Klimaschutz sind.
