Ende Gelände! – Landwirt setzt Nervengift ein

Walter M. ist eigentlich ein sehr umgänglicher Mensch. Mitte vierzig, liebevoller Ehemann und Vater von zwei Kindern. Er hat einen Hof, den er bewirtschaftet, und das in vierter Generation. Das Leben könnte so schön sein. Wenn da nicht diese Vandalen wären, die ihm regelmäßig die Ernte zerstören möchten. – Mit mehr oder weniger großem Erfolg. Er hat versucht, sie mit verschiedenen Mitteln fern zu halten. Doch sie waren hartnäckig. Und nun, vor einigen Tagen, riss ihm endgültig der Geduldsfaden. Er ging zum Händler seines Vertrauens, kaufte sich eine passende Waffe und würde sie nun einsetzen. Schluss damit, ein für alle Mal!

„Heute sind sie dran!“, ruft der Landwirt mit hochrotem Kopf und startet den Zwei-Takt-Motor seines Traktors, an den ein Spritzgerät angehängt ist. „Jetzt werden die ganz schön blöd gucken. Ende Gelände!“

Er fährt lachend los und hüllt sie alle ein, in einen Nebel aus Nervengift. Es wird nicht lange dauern, und die Blattläuse werden tot zu Boden fallen. Mit ihnen auch potentielle Zikaden, die an den Stängeln und Wurzeln nagen. Denn das Gift, das der Landwirt versprüht hat, gehört zur Gruppe der Neonicotinoide. Diese Insektizide blockieren bestimmte Nervenbahnen in den Schädlingen, was ihnen die Orientierung und schließlich das Leben nimmt.

Tatsächlich ist für sie nun „Ende Gelände“

Der Bauer ist froh. Auch darüber, dass er nun eine Zeit lang gar nicht spritzen braucht. Denn dieses Gift hat eine Langzeitwirkung. Die Pflanze nimmt es über Wurzel oder Blätter auf, und es verteilt sich gleichmäßig und vollständig. In jeder Zelle ist es bald vorhanden, und dies über Wochen bis Monate. Jeder, der von der Pflanze nascht, wird dieses Gift in sich aufnehmen und entsprechende Konsequenzen zu tragen haben.

Zikaden, Blattläuse, Käfer, Schmetterlinge und ihre Raupen, Ameisen, Mäuse,…
Der Regenwurm wird dabei zum Kollateralschaden, zusammen mit den anderen Bodenlebewesen.
Schließlich ist das Gift in der Erde rund um die Pflanze auch zu finden, mit einer geschätzten Halbwertzeit von Monaten bis Jahren.

Neben den grünen Pflanzenteilen enthalten auch die Blüten jenes Gift. Und somit findet man es natürlich auch im Pollen der Pflanze, den Insekten sammeln. Somit wird das Nervengift in die Nester von Hummeln und anderen Wildbienen getragen. Auch die Honigbiene bleibt davon natürlich nicht verschont.

So landet das Neonicotinoid schließlich auch in den Waben des Honigbienenvolkes und in dessen Pollenbrot, welches ihm als Futter dient.
Auch hier entfaltet das Nervengift offensichtlich seine Wirkung. Es macht da keinen Unterschied zwischen Schädling und Nützling. Auch hier blockiert es Nervenbahnen, die Bienen verlieren die Orientierung und die Lernfähigkeit. Dadurch finden sie den Weg zum eigenen Bienenstock nicht mehr zurück und sterben…

Da Insekten auf ihren Sammelflügen hunderte bis tausende Blüten besuchen und meist Pollen an ihren Körpern haften bleibt, tragen sie das Gift zwangsläufig auch in die Blüten anderer und unbehandelter Wild- und Kulturpflanzen. So findet es seine Ausbreitung auch weitab von Obstplantagen, Gemüseäckern oder Weinbergen.

Hatschi!

Außerdem findet die Bestäubung vieler Pflanzen auch über den Pollenflug statt. Davon kann jeder Allergiker ein Lied singen. Auf diesem Weg findet die „Extraportion Nervengift“ mittels kontaminierter Pollen ihren Weg in die Nasen und Bronchien eines jeden von uns.

Wer sich dann noch die konventionelle Tomate, den Apfel, die Traube oder eine der vielen anderen Früchte gönnt, der bekommt die doppelte Portion. Denn das Gift steckt nicht nur in den Wurzeln, den grünen Pflanzenteilen oder in den Blüten.
Das Gift steckt in jeder Zelle einer Pflanze, also auch in der Frucht!

Auf diese Art landet das Gift von Walter M. nicht nur in der Natur, im Bienenvolk oder in der Luft, sondern auch in unseren Lungen, Mägen und Gedärmen. Welche „gesundheitsfördernde Wirkung“ es dort entfaltet, bleibt der Phantasie eines jeden überlassen. Und den „sehr glaubwürdigen“ Studien der Chemie-Konzerne, die natürlich nur „das Beste“ wollen: Nämlich ordentlich Reibach machen.

Ist der Grenzwert erst erreicht, wird er einfach aufgeweicht…

Nun könnte man fragen, was die Politik gegen diesen Missstand unternimmt. Die Antwort ist klar:
Sie erhöht schlicht die gesetzlichen Grenzwerte für Neonicotinoide in Lebensmitteln, da die ja ansonsten überschritten würden.
Dies geschieht bereits beim Glyphosat, da kommt es bei den Neonicotinoiden auch nicht mehr wirklich drauf an. Dabei ist das Nervengift, wie auch das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat, nicht nur in Früchten zu finden. Es wurde in Milch und Milchprodukten ebenso nachgewiesen, wie in Trinkwasserproben.

Die Gruppe der Neonicotinoide wird von manchen bereits als das neue DDT bezeichnet, das vor dreißig Jahren wegen seiner katastrophalen Folgen verboten wurde. Und das übrigens bis heute noch in den Ackerböden zu finden ist.

Dies offenbart seine Gefährlichkeit. Die Politik spielt auf Zeit, und die Landwirte scheinen dieses Schädlingsbekämpfungsmittel zu schätzen.

Eines zeigt diese Entwicklung ganz gewiss: Um die Lernfähigkeit eines Wesens einzuschränken, bedarf es keines Neonicotinoids. Es bedarf vielmehr einer Lobbygruppe mit viel Geld – und auf der anderen Seite Volksvertreter, die sich dann doch lieber der Macht des Geldes und nicht der des Volkes beugen.

Dieses Video zur „Task Force on Systemic Pesticide“ spricht Bände.

Am Ende steigt Walter M. wieder von seinem Traktor und klatscht in die Hände.
„So, jetzt hab ich erst mal wieder Ruhe.“
Ob er denn keine Bedenken dabei hätte, Nervengift auf seinen Feldern einzusetzen, fragen wir ihn.
Dann weicht sein Lächeln und er zuckt mit den Schultern.
„Was soll ich machen? Anders ist das doch gar nicht zu stemmen.“
Auf die Frage nach einer anderen Form des Anbaus, nach einem ökologischen und ganzheitlichen Landbau, steht ihm die Resignation ins Gesicht geschrieben.
„Wir bekommen doch nichts mehr für unsre Arbeit. Das, was uns der Handel gibt, reicht vielleicht gerade noch zum Überleben. Die Leute fahren alle zum Discounter, mit dem dicken Sprit schluckenden SUV, um dort Geld zu sparen. – Am Essen!
Mein Großvater und Urgroßvater haben damals noch Lebensmittel produziert. Bei uns sind es heute nur noch Schnäppchen. Da geht nichts mehr. Wir müssen einfach immer mehr liefern. Artenvielfalt und Kulturlandschaft bezahlt uns keiner. Bio kostet einfach mehr Zeit und auch mehr Geld, als uns die Konzerne zahlen.“

Wir lassen einen nachdenklich über sein Feld blickenden Landwirt zurück. Einen, den unser Konsum zum „Bauernopfer“ gemacht hat. Dem in einem Abhängigkeitsverhältnis zu Handels- und Chemiekonzernen die Hände gebunden scheinen. Und der Schritt für Schritt unter Zwang daran mitarbeitet, über Jahrhunderte gewachsene Kulturlandschaften in ökologische Wüsten zu verwandeln…

Dies ist eine fiktive Geschichte über den Landwirt Walter Mustermann. Doch sie steht für viele Landwirte, die zur Industrialisierung ihrer Arbeit getrieben werden. Sie stehen unter massivem Preisdruck und viele von ihnen haben ihm bereits nachgegeben. Die Industrialisierung in der Landwirtschaft schreitet immer mehr voran. Kulturlandschaften werden zerstört und weichen dem Massenanbau. Natürliche Feinde von Schädlingen verschwinden zusammen mit dem ökologischen Gleichgewicht. Dies öffnet Märkte für Chemiekonzerne, die ihre Gifte, „optimiertes“ Saatgut und Düngemittel so an den Mann bringen können. Ohne diese ist der Anbau in monokulturellen Wüsten einfach nicht möglich.

Handelskonzerne wiederum haben die Landwirte erst zur Massenproduktion gedrängt, Discountpreise zerstören die Preise, die längst nicht mehr die Kosten der Landwirte decken können.
Und am Ende stehen wir Verbraucher, die mit jedem Euro diesen Wahnsinn unterstützen.
Mit jedem Kauf beim Discounter oder auch beim Supermarkt tragen wir zu diesem System bei.

Dabei gibt es viele Lösungsmöglichkeiten. Eine ist der Kauf im Bioladen, am besten beim Landwirt vor Ort.
Für Rheinland-Pfalz gibt es beispielsweise unter folgender Adresse eine Suchfunktion nach Kategorien und PLZ

http://bioeinkaufen-rlp.de/landwirte-hoflaeden/

Wer beim Anbau von Obst und Gemüse selbst anpacken möchte, dem sei die „Solidarische Landwirtschaft“ empfohlen.
Eine tolle Übersicht vorhandener Höfe findet sich unter folgendem Link:

https://www.solidarische-landwirtschaft.org/de/solawis-finden/solawi-hoefe-initiativen/

Ein gänzlich anderer Ansatz  bieten der eigene Anbau von Obst und Gemüse, sowie die Nutzung von Wildpflanzen. Dies ist zwar mit einem gewissen Aufwand verbunden. Jedoch weiß man hier sehr genau, was in den Lebensmitteln steckt und wie sie entstanden sind. Vorausgesetzt, man beachtet ein paar einfache Dinge. Man sollte Wildpflanzen gut bestimmen können. Hilfreich ist hierbei ein kleines Buch. Beim Anbau im Garten sollte man natürlich keine Chemikalien nutzen, sondern auf das biologische Gleichgewicht sowie natürlichen Pflanzenschutz setzen.

Nervengift für Katz und Hund

Übrigens werden auch für Privatleute Neonikotinoide angeboten. Sie stecken nicht nur in Spritzmitteln. Sie sind auch in Mitteln gegen Ameisen, in Insektensprays oder in Medikamenten zur Behandlung von Flöhen bei Katze und Hund enthalten.

Wer dann doch die Supermarkt-Variante mag, aber nicht die „konventionellen“ Lebensmittelriesen unterstützen möchte, der kann beispielsweise bei Alnatura und Denn‘s Biosupermarkt einkaufen. Er sollte sich aber bewusst machen, dass auch hier der Bio-Supermarkt als Zwischenhändler den Produzenten Druck machen kann und wird. Preisdruck und Gewinnoptimierung machen auch vor Bio-Supermärkten nicht Halt.

Auch wer Lebensmittel gerne online einkauft, findet gute Anbieter. Allen voran kann ich persönlich www.natur.com empfehlen. Man sollte sich auch hier bewusst sein, dass es sich um Zwischenhändler handelt und natürlich auch hier ein gewisser Preisdruck auf die Produzenten ausgeübt wird. Ebenso fallen natürlich zusätzlich Verpackungsmaterialen und Transportwege an, wenn man sich Produkte per Post schicken lässt.

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