Kamikaze-Enten?

Vogelgrippe! Meine Hühner sind traurig. Sie sitzen im (wenn auch relativ geräumigen) Stall und warten darauf, bis endlich Entwarnung gegeben wird. Denn diese vermaledeite Virusinfektion greift um sich. Und schuldig sind diese Einwanderer: Zugvögel tragen das tödliche Virus in sich, erleichtern sich im Außenbereich, husten eventuell noch aufs Futter, die Hühner nehmen das Virus somit auf und werden krank.

Soweit die offizielle Theorie…Doch warum stecken sich vor allem Hühner aus der Massentierhaltung an, die einen Wildvogel in der Regel nie zu Gesicht bekommen? Diese Frage gesellt sich zu vielen weiteren Unklarheiten und ergibt ein dickes Fragezeichen, für das im öffentlichen Aktionismus aber leider nur wenig Platz bleibt.

Vogelgrippe ist schon seit Jahren in den Medien präsent. Sie taucht für kurze Zeit auf, um dann nur ab und zu als Randnotiz in den Medien zu erscheinen. – Über eine Gans, die sich in China infiziert habe, und über ein vietnamesisches Huhn, das der Grippe zum Opfer fiel.

Gefahr aus der Ferne?

Wir bekommen suggeriert, dass Zugvögel wie Gänse und Enten das todbringende Virus ins sich tragen. Dass sie es in unseren Breiten somit verteilen, andere Wildvögel, Tiere im Zoo oder auch Nutzgeflügel infizieren. Doch irgendwo hinkt diese Theorie. Denn es gibt bisher keinen Beweis, dass die Wildvögel das Virus bei uns einschleppen. Vielmehr ist es fraglich, wie eine totkranke Gans, deren Lunge und Darm geschädigt sind, derart geschwächt die tausende Kilometer weite Reise nach Deutschland oder Mitteleuropa überleben sollte. Nur um hier dann – hochinfektiös wie sie ist – Viren vor allem an Hühner aus der Massentierhaltung zu verteilen. Wie das so eine Gans schaffen soll, wie sie in einen abgeschirmten Bereich der Massentierhaltung vordringen kann, konnte noch niemand wirklich erklären. Soll sie sich etwa mit letzter Kraft vor den Lüftungsschacht des Hühnerstalls setzen und dort mal kräftig abhusten, um dann schließlich sterbend gezielt in einen Futterbehälter zu fallen, und dort auch noch die tödliche Fracht zu verteilen? Kamikaze-Enten?

Würde die Theorie mit den schwerkranken Zugvögeln stimmen, müssten die Flutrouten zudem gepflastert sein von allerlei gescheiterten Enten und Gänsen. Dies ist aber nicht der Fall. Vielmehr scheinen die Tiere relativ gesund in ihrem Zielgebiet anzukommen, um dann erst an der Viruserkrankung sterben. Dadurch liegt die Überlegung näher, dass sie sich in Deutschland infizieren könnten. Und dies sicherlich nicht durch Amsel, Drossel, Fink und Star…

Brutkammern der Vogelgrippe?

Doch wodurch könnten sie sich hier bitteschön infizieren? Wo gibt es eine wahre Brutkammer für eine solche Erkrankung? Was sind eigentlich die besten Voraussetzungen für Grippeviren?

Ein Virus braucht zunächst einmal einen Wirt, sprich einen Körper, in dem er sich vermehren kann. Anders als Bakterien sind Viren nämlich keine eigenständigen Organismen, die sich selbst teilen können. Viren sind auf eine Wirtszelle angewiesen. Sind sie in diese vorgedrungen, programmieren sie deren Erbgut um und nutzen somit den Stoffwechsel dieser Zelle, um sich zu verbreiten und weitere Zellen infizieren zu können. Einen eigenen Stoffwechsel besitzen Viren nämlich nicht.

Ideal für ein Virus ist außerdem ein abwehrgeschwächter Wirt. Ein Körper, der die volle Immunabwehr aufzubieten hat, wird eine Virusinfektion wahrscheinlich abwehren. Dies kennen wir aus dem Alltag: Ein junger Mensch, der gesund ist und sich ausgewogen ernährt, wird eher weniger an einer Virusgrippe erkranken, als ein alter Mensch, der aufgrund chronischer Krankheiten eine schwächere Immunantwort entgegensetzen kann.

Wo finden wir also in Deutschland sehr viele geeignete Wirte, möglichst auf engstem Raum und in abwehrgeschwächter Form?

Genau! – In der Massentierhaltung

Billigstes und artwidriges Futter (wie z.B. Fischmehl und allgemein tierische Fette aus der Tiermast), die prophylaktische Gabe von Antibiotika, auf Höchstleistung gezüchtete Tiere, … All dies schwächt die Immunabwehr der Tiere und begünstigt die Entwicklung von Viren. Die Futtermittel stammen zudem oft aus Asien oder Mittelamerika, ihre Herkunft ist gelinde gesagt schwer nachzuvollziehen. Steckt in diesen Futtermitteln auch ein Virus, hat es beste Voraussetzungen sich im Stall der Massentierhaltung zu vermehren. Es dringt auch nach außen, denn wohin gelangen schließlich Fleisch und Eier? Wo landet der Mist der Tiere, wo landen verendete Hühner? Und ist die Abluft der Ställe tatsächlich keimfrei? Das gilt es doch zu bezweifeln. – Ebenso, dass Viren nicht auch über den Menschen nach außen getragen werden.

Bereits im Jahr 2009 warnten Forscher vor der Entwicklung von Virus-Mutationen, die auch für den Menschen gefährlich werden könnten. Ein Risiko, das erst durch die Massentierhaltung so richtig gefördert würde. Auch die Welternährungsorganisation FAO sah bereits damals das Risiko, dass sich innerhalb der zusammengepferchten Tiere über kurz oder lang sehr gefährliche Viren entwickeln könnten. (s. auch hier http://www.focus.de/panorama/vermischtes/pandemie-forscher-warnen-vor-massentierhaltung_aid_396119.html)

Während meine armen Freiland-Hühner noch mindestens für einen Monat ihr Dasein im Stall fristen müssen, sitzen die wahren „Viren-Schleudern“ wahrscheinlicher in den Ställen der Massentierhaltung, anstatt in Form von Zugvögeln an Wiesen, Flüssen und Seen.

Hühner auf der Stange
Hühner auf der Stange

Und die Politik?

Man könnte sich nun fragen, weshalb die Politik nicht reagiert? Doch die Antwort wäre leider eine altbekannte: Sie reagiert eben nicht, wenn dann die Interessen der „Tiermast-Industrie“ betroffen wären. Man müsste zugeben, dass die Massentierhaltung in Wahrheit nicht nur moralisch extrem verwerflich, klimaschädlich und umweltzerstörend ist. Man müsste auch eingestehen, dass sie eine virale und bakterielle, tickende Zeitbombe darstellt. Man müsste sich dann auch mit dem Problem multiresistenter Keime auseinandersetzen, gegen die selbst Notfall-Antibiotika nicht mehr wirken und an denen nach Schätzungen des Europäischen Zentrums für Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) alleine in Europa jährlich bis zu 50.000 Menschen sterben. Zumal es hier auch eine Dunkelziffer gibt, denn die Zahlen beruhen auf resistente Krankenhauskeime. Erkrankt ein Mensch nicht im Krankenhaus an einer Infektion und verstirbt, wird keiner auf die Idee kommen, ihn auf multiresistente Keime hin zu untersuchen.

Würde man die Problematik ernst nehmen, und somit die Sicherheit der Menschen, müsste der Massentierhaltung wie wir sie heute kennen ein Riegel vorgeschoben werden. Doch dann müsste man eben auch Wirtschaftsinteressen zurückstellen, eventuell wohlwollenden und mächtigen Lobbyisten vor den Kopf stoßen, wozu man nicht bereit ist.

Da verbannt man doch lieber freilaufende Bio-Hühner unter Strafandrohung (bis zu 30.000 Euro) in den Stall, beschuldigt „Einwanderer“ eine Krankheit eingeschleppt zu haben (passend zur allgemeinen aktuellen Stimmung), und ignoriert die wahren Ursachen.

Das ist einfacher: Ein Weg ohne Wider- und Verstand!

 

 

2 Gedanken zu “Kamikaze-Enten?

  1. Super Beitrag! Vielen Dank für deine kritische Sichtweise, die die meisten Leute wohl so zum ersten Mal hören/lesen. Ich selbst habe mich in den letzten Tagen informiert und kann deine Überlegungen sehr gut nachvollziehen. Ich wünsche deinen (und unseren) Hühnern Durchhaltevermögen bis diese dusselige Verordnung endlich wieder Schnee von Gestern ist 🙂

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    • Dankeschön! Ja, hoffen wir, dass die armen Hühner bald wieder ins Freie dürfen. 🙂 Und was ich besonders dreist finde: Man plant wohl zumindest in meinem Landkreis eine Tierseuchenabgabe, die jeder Hühnerhalter zahlen soll. Und offenbar sollen diese Einnahmen dann denen zugute kommen, die ihren Bestand wegen Vogelgrippe töten müssen. Und vorwiegend sind das ja Betriebe der Massentierhaltung…

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