Free Willi :)

Endlich war es soweit: Mein Pflege-Igel Willi durfte in die Freiheit. Im letzten Herbst viel zu leicht und fast unter die Räder gekommen, hat er sich prächtig entwickelt. Doch es war ein längerer Weg.

Mit 180g holte ich im Herbst den Igel zu mir nach Hause. Ein Anwohner der Hauptdurchgangsstraße hatte ihn glücklicherweise von der Straße geholt, wo er sich praktisch auf dem Mittelstreifen zusammen gerollt hatte.

Nun hieß es erst mal den Kleinen anschauen. Es war keine Verletzung zu erkennen, auch keine Fliegenlarven. Ja – das kommt öfters vor als man denkt und die müssen dann natürlich so schnell wie möglich weg! Doch Willi war sauber, auch nur wenige Flöhe.
Dann hieß es wiegen, und mit 180g war er definitiv zu leicht für den Winterschlaf. Da braucht ein Igel mindestens 600g, besser mehr.

Junger Igel zusammengerollt im Käfig

Das Wichtigste war dann, ihn zunächst warm zu halten und eine konstante Temperatur zu schaffen. Das erreichte ich mit einer Plastikflasche, die ich mit warmem Wasser füllte, dazu ein altes Handtuch. Idealer ist ein Snuggle-Kisten, das es auch für Katzen und Hunde gibt. Das habe ich mir auch in der Zwischenzeit besorgt – sehr praktisch! Natürlich sollte der Igel jederzeit aus dem warmen Bereich krabbeln können, wenn es ihm warm genug ist.
Dann hieß es, ihm langsam Futter anzubieten. Wirklich langsam, denn ein Igel, der ausgehungert ist, verträgt keine schlagartig großen Futtermengen. Mehr noch: Das kann ihn töten!

Junger Igel läuft im Käfig auf Futtterschale zu

Doch was genau frisst so ein Igel? Dass er in keinem Fall Milch oder Obst zu sich nehmen sollte, wusste ich schon. Aber Igelfutter? – Geht gar nicht, stellte ich bald fest! Denn in den meisten Mischungen stecken Haferflocken, Nüsse und Getreide, was der Igel gar nicht verdauen kann. Und was ihn krank macht.

Er darf als Insektenfresser folgendes futtern:

  • Mehlwürmer, getrocknet oder lebendig
  • Maden von Wachsmotten
  • Katzen-Trockenfutter mit hohem Fleischanteil, möglichst ohne Zucker und Getreide
  • Katzen-Nassfutter ohne Soße oder Gelee mit hohem Fleischanteil, möglichst ohne Zucker und Getreide
  • Gut durchgebackenes und ungewürztes Rührei
  • Hähnchenschenkel und auch die Knochen davon

Eine Fachfrau aus dem Tierheim hatte in der folgenden Woche Willi begutachtet und als gesund befunden, ebenso als weitgehend floh- und zeckenfrei. Aber sie gab mir auch auf den Weg, genau den Stuhlgang zu beobachten. Dieser kann sehr viele Farben annehmen, nur bei giftgrün, blutig oder stark wässrig wirds kritisch. Das weist dann auf Darmparasiten oder gar eine Ecoli-Infektion hin, die den Igeln massiv zu schaffen machen.
Parasiten fangen sie sich bei Regenwürmern und Schnecken ein, denn Igel fressen hauptsächlich Käfer, Raupen und Larven, Tausendfüßler und andere Insekten. Schnecken und Regenwürmer sind eigentlich nur ein kleiner Bestandteil. Doch wenn man nix anderes findet, futtert man eben auch, was nicht gut für einen ist. Und das macht krank. Neben Darmparasiten fangen sie sich so auch Lungenwürmer ein, die richtig böse sind.

Willi hatte aber Glück, hatte weder ein Stuhlgangproblem, noch Husten.
Ich wog ihn regelmäßig und schließlich erreichte er etwa binnen sechs Wochen 800g. Wichtig war, dass die Temperatur im Raum deutlich über 10 °C blieb, auch im Spätherbst. Er stand in einem Nebengebäude und bekam deshalb einen eigenen Elektro-Heizofen. Unter 10°C fallen Igel in einen Winterschlaf, der sehr oberflächlich und daher kraftraubend ist. Und wenn sie dann nicht genug auf den Rippen haben, bekommen sie ein Problem.

Junger Igel vor der Futterschale

Doch mit 800g stockte plötzlich sein Appetit. Er begann sogar leicht abzunehmen. Was war los?

Der Stoffwechsel wars, denn Willis Körper stellte trotz Wärme irgendwann auf Winterschlaf-Modus. Also ging er pünktlich zu Weihnachten schlafen. Er kam in ein unbeheiztes Treibhaus.

Igel im Käfig in Schwarzweiß, nachts fotografiert durch eine Wildkamera

Und dort schlief er immer einige Tage bis Wochen. Denn es wurde nie wirklich beständig kalt, er wurde immer wieder wach. Im Februar war er hellwach und bekam wieder Futter. Und er legte nach und nach immer mehr zu. Bis er 1500g erreicht hatte. Ein dicker Brummer!

Ziel war es, ihn Mitte Mai auszuwildern, und ihn vorher eine Woche auf der Wiese im Käfig stehen zu lassen, um die Umgebung wahrzunehmen.
Doch dann plötzlich eine böse Überraschung: In der Futterschale lagen Stacheln!
Am nächsten Tag auch außerhalb der Schale. Was war da los?
Ich nahm ihn aus dem Karton-Nest, in dem er immer die Tage verbracht, und dass ich natürlich auch regelmäßig erneuert hatte. Ich sah ihn mir an. Es war nichts zu erkennen. Keine Hautrötung – ich dachte schon an den gefürchteten Igel-Pilz, durch den Igel im Zweifel alle Stacheln verlieren. Und der als Zoonose auch den Menschen befallen kann.
Ein Anruf im Tierheim brachte die Erleichterung: Wahrscheinlich ein Stoffwechsel-Thema, das auch evtl. mit seinem Alter zusammenhing. Denn Igel verlieren nach etwa sechs Monaten ihre kleineren „Baby-Stacheln“ und es wachsen die großen.

Das merkte ich dann auch, als ich ihn beim Auswildern noch mal aus dem Nest nahm. Ein Stachel steckte mir im Finger, trotz Handschuhen. Aber genial – er war richtig wehrhaft geworden, der gar nicht mehr so Kleine.

Jetzt ist Willi frei, hat auch sein Igel-Haus verlassen. Er sitzt lieber in den Hecken auf der Fläche, wo er jetzt leben darf. Aber sicher kommt er auch mal wieder im Häuschen vorbei. Schließlich wechseln Igel ihren Unterschlupf oftmals. Wahrscheinlich auch um Parasitenbefall und Krankheiten vorzubeugen.

Es war jedenfalls ein tolles Erlebnis, den Kleinen pflegen und somit über den Winter bringen zu dürfen. Ohne Pflege hätte er es definitiv geschafft.
Aber schafft er es nun weiterhin? Ein Blick ins Tierheim stimmt nicht so optimistisch: Dort landen momentan jeden Tag 2-3 Igel in Not, auch da sie unter dem massiven Insektenrückgang leiden. Oder unter Rasenmäher-Robotern, unter der Zerstörung ihrer Lebensräume und dem Fehlen geeigneter Strukturen. Ich hatte in den letzten zwei Wochen selbst zwei neue Igel in Not. Einen davon mit ausgekugelten Hinterbeinen. Mit ihm hatte man evtl. Fußball gespielt. Ich finde es so grausam, wie empathielos Menschen sein können!

Doch hoffen wir, dass Willi ein langes, erfülltes Leben haben wird. Igel können bis zu sieben Jahre alt werden. Vorausgesetzt, wir lassen sie in Ruhe. Außer wenn sie Hilfe brauchen!

Wann sie Hilfe brauchen, sieht man hier bei Pro Igel e.V.

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